Die Zutaten sind denkbar einfach, die Form aber ist das Besondere: Ein sternförmiges Gebäck aus Hefe mit acht Zacken, in der Mitte eine Erhebung und je nach Größe mehr oder weniger reich verziert mit Zöpfen, Schnecken, Brezeln und Ähren. Die Rede ist von der Reutlinger Mutschel. Seit dem Mittelalter ist das golden gebackene Hefegebäck in Reutlingen bekannt. Damals wurden die im Laufe eines Jahres in den Ehestand getretenen Männer zum Stadtmilitär eingereiht. Aus diesem Anlass fand im Schützenhaus ein Scheibenschießen statt. Der Sieger erhielt eine Mutschel. Wer kein guter Schütze war, würfelte in der Backstube um das Gebäck.
Heute treffen sich Einheimische und Zugezogene, Junge und Alte traditionell am Donnerstag nach Dreikönig – dem „Reutlinger Mutscheltag“ – in Wirtshäusern, Vereinsheimen oder privat, zum Würfelspiel. Als Siegespreis beim „Mutscheln“ werden kleine, mittlere oder große, süße oder salzige Mutscheln verteilt. Um eine der gebackenen Trophäen zu erlangen, gibt es diverse Würfelspiele mit skurrilen Namen: „Nackets Luisle“ oder „Einsame Filzlaus“ heißt es da oder „Der Wächter bläst vom Turm“, wenn der Würfel vom Becherrand gepustet werden muss. Bei „Sieben frisst“ darf nur der vom traditionell dazu gereichten Wurstsalat essen, der sieben Punkte erwürfelt hat.
